Posteditieren nach ISO 18587

von Reinhild Möller

Maschinelle Übersetzungen werden zwar immer besser, sind aber noch längst keine Selbstläufer. Die Norm ISO 18587 legt die Anforderungen an das Posteditieren maschinell erstellter Übersetzungen fest, beschränkt sich jedoch explizit auf das Full Postediting. Die Praxis bewegt sich allerdings im Spannungsfeld zwischen hohem Zeit- und Kostendruck einerseits und hohem Qualitätsanspruch andererseits. Damit dieser Spagat gelingt, können Auftraggeber und Übersetzungsdienstleister Anforderungen an ein Light Postediting vereinbaren


Posteditieren maschinell erstellter Übersetzungen

Im Bereich der maschinellen Übersetzung (MÜ) wurden in den letzten Jahren bahnbrechende Fortschritte erzielt. Insbesondere die Technologie der neuronalen maschinellen Übersetzung (Neural Machine Translation – NMT) hebt die Qualität und Lesbarkeit automatisierter Übersetzungen auf ein ganz neues Niveau. Damit sind hochwertige MÜ-Systeme zu einem Hilfsmittel geworden, mit dem sich bestimmte Übersetzungsprojekte in kürzerer Zeit und mit geringerem Budget fertigstellen lassen.

Allerdings arbeiten die Systeme nicht fehlerfrei, und die MÜ-Ergebnisse müssen nachbearbeitet werden. Dabei stellen professionelle Humanübersetzer sicher, dass maschinelle Übersetzungen sowohl in fachlicher als auch in sprachlicher Hinsicht den Anforderungen der Kunden gerecht werden.


Normierte Anforderungen an das Posteditieren

Aufgrund der immer besseren Ergebnisse gewinnen maschinelle Übersetzungen zunehmend an Bedeutung. Deshalb wurde 2017 eine Norm herausgegeben, die sich eigens mit den Anforderungen an das Posteditieren (auch Postediting oder Post-Editing) maschinell erstellter Übersetzungen befasst: die ISO 18587. Sie richtet sich an Übersetzungsdienstleister, deren Kunden und Posteditoren.

In der ISO 18587 ist Posteditieren als Editieren und Korrigieren einer maschinell erstellten Übersetzung definiert. Der Humanübersetzer, der das MÜ-Ergebnis bearbeitet, wird als Posteditor bezeichnet. Grundsätzlich wird zwischen vollständigem Posteditieren (Full Postediting) und leichtem Posteditieren (Light Postediting) unterschieden. Da die Norm jedoch nicht die ganze Bandbreite der möglichen Qualitätsstufen einer posteditierten maschinellen Übersetzung abdecken kann, werden nur die Anforderungen an das vollständige Posteditieren ausgeführt. Das MÜ-Ergebnis nach dem vollständigen Posteditieren soll laut ISO 18587 „mit dem Ergebnis einer Humanübersetzung vergleichbar“ sein.

Wie auch der Übersetzungsprozess gemäß ISO 17100 zu Anforderungen an Übersetzungsdienstleistungen gliedert sich der Prozess des Posteditierens in Projektvorbereitung, Produktionsprozesse und Projektnachbereitung.


Projektvorbereitung

Im Rahmen der Projektvorbereitung muss der Übersetzungsdienstleister ggf. nach Rücksprache mit dem Kunden entscheiden, ob der zu übersetzende Text für die maschinelle Übersetzung geeignet ist. Die Qualität des MÜ-Ergebnisses hängt maßgeblich von der Qualität des MÜ-Systems sowie von der Sprachkombination, der Textsorte, dem Sachgebiet und dem Stil des ausgangssprachlichen Textes ab. Der Aufwand für das Posteditieren sollte geringer sein als der Aufwand für eine Neuübersetzung.

Ist das MÜ-Ergebnis brauchbar, müssen der Übersetzungsdienstleister und der Kunde die Anforderungen für das Projekt des Posteditierens festlegen (Qualitätsniveau, Zielgruppe usw.). Posteditoren müssen Zugang zu sämtlichem Referenzmaterial und zu den für das Posteditieren erforderlichen Ressourcen erhalten. Da MÜ-Systeme idealerweise in Kombination mit Translation-Memory-Systemen (TM-Systemen) eingesetzt werden, müssen Posteditoren zudem eindeutig zwischen MÜ- und TM-Ergebnissen unterscheiden können.


Produktionsprozesse

Während der Produktionsprozesse müssen Posteditoren sicherstellen, dass das posteditierte MÜ-Ergebnis verständlich ist, der ausgangssprachliche Inhalt mit dem zielsprachlichen Inhalt übereinstimmt und die Projektanforderungen erfüllt werden.

Die Anforderungen an das vollständig posteditierte MÜ-Ergebnis entsprechen im Wesentlichen den Anforderungen an eine Humanübersetzung:

  • Einhaltung von Sachgebiets- und Kundenterminologie sowie diesbezügliche Konsistenz;
  • Beachtung des vom Kunden zur Verfügung gestellten Referenzmaterials, falls vorhanden;
  • angemessene Syntax, Orthografie, Zeichensetzung, diakritische Zeichen, Sonderzeichen und Abkürzungen der Zielsprache;
  • Beachtung anwendbarer Richtlinien (z. B. Stilrichtlinien, Normen) und Vereinbarungen;
  • korrekte Formatierung;
  • Eignung für die Zielgruppe und den Verwendungszweck.

In Bezug auf die semantische (inhaltliche) Korrektheit stellt das Posteditieren hingegen besondere Anforderungen, die sich von denen einer Humanübersetzung unterscheiden. Dies liegt daran, dass bereits ein Übersetzungsvorschlag vorliegt, der zu beurteilen ist. So müssen Posteditoren laut ISO 18587:

  • „sicherstellen, dass keinerlei Information hinzugefügt oder ausgelassen wurde;
  • jeglichen unpassenden Inhalt editieren;
  • Sätze im Falle von Fehlern oder unklarer Bedeutung umstrukturieren.“

Anders als bei einer Übersetzung ohne MÜ-Einsatz jonglieren Posteditoren beim Posteditieren mit drei Texten: dem Ausgangstext, dem MÜ-Ergebnis und dem finalen Zieltext. Einerseits sollen Posteditoren so viel vom MÜ-Ergebnis nutzen wie möglich, andererseits müssen sie dem Anspruch einer Humanübersetzung gerecht werden. Posteditoren müssen daher:

  • das MÜ-Ergebnis lesen und gegebenenfalls umformulieren;
  • den Ausgangstext Satz für Satz mit dem MÜ-Ergebnis vergleichen und den zielsprachlichen Inhalt gegebenenfalls korrigieren;
  • den finalen Zieltext erstellen, indem sie brauchbare Bestandteile des MÜ-Ergebnisses verwenden und nicht brauchbare Bestandteile neu übersetzen.

Projektnachbereitung

Im Zuge der Projektnachbereitung verifiziert der Übersetzungsdienstleister, ob alle Spezifikationen eingehalten wurden, und gibt das posteditierte Ergebnis für die Lieferung an den Kunden frei. Zudem sollten die Posteditoren Rückmeldung zur Leistung des MÜ-Systems geben, damit dieses weiter verbessert werden kann.

Schließlich listet die ISO 18587 in einem informativen Anhang mögliche Elemente von Projektspezifikationen und Vereinbarungen zwischen Kunden und Übersetzungsdienstleistern auf. Beispielsweise sollte der Umfang der auszuführenden Arbeiten vereinbart werden: vollständiges oder leichtes Posteditieren, Kontrolle durch den Posteditor (2-Augen-Prinzip), Revision durch einen anderen Übersetzer (4-Augen-Prinzip), fachliche Prüfung, Transkreation usw.


Fazit

Die ISO 18587 legt den Prozess des Posteditierens fest und schafft mit den Anforderungen an das Posteditieren maschinell erstellter Übersetzungen eine einheitliche Grundlage für alle an diesem Prozess beteiligten Akteure. Die Definition zentraler Fachbegriffe stellt sicher, dass alle Beteiligten dieselbe Sprache sprechen und unter diesen Begriffen dasselbe verstehen. Die eindeutige Definition des vollständigen Posteditierens sorgt für Transparenz und Sicherheit. Denn alle Beteiligten haben die gleichen Erwartungen an das vollständig posteditierte MÜ-Ergebnis: Es muss mit dem Ergebnis einer Humanübersetzung vergleichbar sein. Damit lässt sich die Qualität des Ergebnisses des Posteditierens genauso überprüfen wie eine Humanübersetzung.

Wenn Sie mehr über die Professionalität von Posteditoren erfahren möchten, lesen Sie auch unseren Blog-Artikel „Kompetenzen und Qualifikationen von Posteditoren“.

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