Kompetenzen und Qualifikationen von Posteditoren

von Reinhild Möller

Maschinelle Übersetzungen und Postediting (auch Post-Editing, Posteditieren) stellen die Übersetzerwelt vor neue Herausforderungen. Posteditoren jonglieren mit drei Texten, die sie parallel im Blick behalten müssen: den Ausgangstext, das MÜ-Ergebnis und den finalen Zieltext. Dabei brauchen sie ein wachsames Auge für völlig andere Arten von Fehlern, als in einer Humanübersetzung zu erwarten wären. Daher stellt die Norm ISO 18587 hohe Anforderungen an die berufliche Qualifikation von Posteditoren, die auf eine vollständige Übersetzerausbildung aufsetzt.


Neue Herausforderungen für Übersetzer

Der Umgang mit maschinellen Übersetzungen (MÜ) gehört für viele Übersetzer bereits zum Arbeitsalltag. Systeme zur maschinellen Übersetzung (MÜ-Systeme) sind unter bestimmten Rahmenbedingungen und nach Rücksprache mit dem Auftraggeber zu einem wichtigen Hilfsmittel geworden, mit dem sich größere Textmengen in kürzerer Zeit bewältigen lassen, um dem steigenden Bedarf an Übersetzungen gerecht zu werden. Doch durch die Automatisierung verändert sich die Arbeitsweise der Übersetzer grundlegend.

Bei Einsatz eines MÜ-Systems gliedert sich der eigentliche Übersetzungsprozess in zwei Schritte:

  • das automatische Übersetzen von Text mithilfe einer Computeranwendung und
  • das Posteditieren maschinell erstellter Übersetzungen durch einen Humanübersetzer.

Diese beiden Schritte ersetzen allerdings nur die Humanübersetzung. Die Folgeprozesse

  • Kontrolle durch den Übersetzer (2-Augen-Prinzip),
  • Revision durch einen anderen Übersetzer (4-Augen-Prinzip),
  • fachliche Prüfung usw.

schließen sich – sofern vom Kunden gewünscht – an das posteditierte MÜ-Ergebnis an, genau wie bei einer Humanübersetzung.


Zwei wichtige Normen: ISO 17100 und ISO 18587

Die ISO 17100 zu Anforderungen an Übersetzungsdienstleistungen legt die Anforderungen an die Kompetenzen und Qualifikationen von Übersetzern fest. Genau diese Kompetenzen und Qualifikationen werden in der ISO 18587 zu Anforderungen an das Posteditieren maschinell erstellter Übersetzungen aufgegriffen. Dies legt nahe, dass der Posteditor, der eine maschinell erstellte Übersetzung editiert und korrigiert, ein professioneller Übersetzer sein sollte. Allerdings müssen Posteditoren gemäß ISO 18587 über weitere Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen, um professionell an die Aufgabe des Posteditierens herangehen zu können.


Kompetenzen von Posteditoren

Sowohl Übersetzer als auch Posteditoren müssen über die folgenden Kompetenzen verfügen:

  • Übersetzungskompetenz
  • Sprachliche und textliche Kompetenz in der Ausgangssprache und der Zielsprache
  • Kompetenz beim Recherchieren
  • Kulturelle, technische und Sachgebietskompetenz

Während Übersetzer von Grund auf neu übersetzen, liegt Posteditoren bereits eine Übersetzung vor, mit der sie arbeiten müssen. Sie sollen so viel vom MÜ-Ergebnis nutzen wie möglich, damit sich der Einsatz dieses Systems lohnt. Allerdings müssen sie Fehler, Hinzufügungen und Auslassungen erkennen und korrigieren, unpassende Inhalte editieren, für korrekte und konsistente Terminologie sorgen und ggf. Sätze so umstrukturieren, dass sie in der Zielsprache idiomatisch sowie der Zielgruppe und dem Verwendungszweck angemessen sind.


Qualifikationen von Posteditoren

Ein Vergleich der genannten Normen zeigt zudem, dass Übersetzer und Posteditoren die gleiche berufliche Qualifikation aufweisen sollten. So müssen Posteditoren ebenfalls über einen einschlägigen Abschluss im Bereich der Übersetzungsausbildung oder langjährige vollzeitliche Berufserfahrung im Übersetzen oder Posteditieren verfügen.


Professionalität von Posteditoren

Damit die Aufgabe des Posteditierens professionell ausgeführt wird, verlangt die ISO 18587 weitere Kenntnisse und Fähigkeiten, die für das Posteditieren maschinell erstellter Übersetzungen erforderlich sind. Daher müssen Übersetzer, die sich auch als Posteditoren betätigen, entsprechend geschult werden und Folgendes erwerben:

  • „allgemeines Wissen im Bereich MÜ-Technologie sowie ein Grundverständnis von Fehlern, die bei einem MÜ-System auftreten;
  • allgemeines Wissen im Bereich Werkzeuge zur computerunterstützten Übersetzung;
  • Kenntnisse und Fähigkeiten, um festzustellen, ob das Editieren der MÜ-Ergebnisse sinnvoll ist, was die Einschätzung des Zeit- und Arbeitsaufwands anbelangt;
  • die Fähigkeit, die erhaltenen Anweisungen zu befolgen, und die Fähigkeit, sich auf spezifische Probleme zu konzentrieren und spezifische Korrekturen je nach Bedarf vorzunehmen.“

Posteditoren können dem Übersetzungsdienstleister oder Kunden Rückmeldung über erkannte Fehlermuster in den MÜ-Ergebnissen geben und so zur Verbesserung des MÜ-Systems beitragen.

Da das Posteditieren im Idealfall in einer integrierten Übersetzungsumgebung aus MÜ-System, Translation-Memory-System (TM-System) und Terminologieverwaltung erfolgt, sollten Posteditoren außerdem über allgemeine Kenntnisse hinsichtlich des Zusammenspiels dieser Tools verfügen.


Schulung von Posteditoren

Maschinelle Übersetzungssysteme liefern keine perfekten, veröffentlichungsreifen Übersetzungen. Zudem muss Posteditoren bewusst sein, dass sie in MÜ-Ergebnissen mit völlig anderen Fehlern rechnen müssen als beispielsweise in einer Humanübersetzung. Vor allem neuronale maschinelle Übersetzungssysteme überzeugen durch stilistisch flüssige Übersetzungen, bei denen aber dennoch Vorsicht geboten ist. Mitunter werden Eigennamen übersetzt, Abkürzungen nicht richtig umgesetzt, Informationen hinzugefügt oder ausgelassen, Fachbegriffe falsch oder inkonsistent übersetzt, Verneinungen nicht richtig erkannt oder falsche Bezüge hergestellt.

Posteditoren müssen sich einen Überblick über die Schwächen des eingesetzten MÜ-Systems verschaffen und einen Blick für Fehlermuster entwickeln. Schnell zu erfassen, welche Bestandteile des MÜ-Ergebnisses brauchbar sind und übernommen werden können und welche umformuliert werden müssen, bedarf der Erfahrung und Routine.


Fazit

MÜ-Systeme liefern Übersetzungen per Knopfdruck. Das Ergebnis ist möglicherweise gut genug, wenn es lediglich darum geht, sich einen groben Überblick über den Inhalt eines Textes zu verschaffen. Doch auch hier ist Vorsicht geboten, da keine Gewähr für die Richtigkeit der maschinellen Übersetzung besteht. Wer jedoch auf fachlich und terminologisch korrekte Texte Wert legt oder Texte veröffentlichen will, um z. B. sich oder sein Unternehmen sowie seine Produkte und Dienstleistungen darzustellen und Kunden zu überzeugen und zu gewinnen, muss einen Schritt weiter gehen. Beim Posteditieren wird das MÜ-Ergebnis auf Herz und Nieren geprüft und erhält den letzten Schliff. Die ISO 18587 legt Anforderungen an die Kompetenzen und Qualifikationen sowie an die Professionalität von Posteditoren fest. Demnach sind Posteditoren professionelle Übersetzer mit Zusatzqualifikation im Posteditieren.

exact! hat sich den neuen Herausforderungen gestellt und verschiedene maschinelle Übersetzungssysteme getestet. Erfahrungen aus diesen Tests werden gesammelt und ausgewertet. Dabei findet ein intensiver Austausch unter den Übersetzerinnen und Übersetzern von exact! statt. Sie sorgen dafür, dass von exact! posteditierte MÜ-Ergebnisse die Sprache unserer Kunden sprechen – genau wie unsere Humanübersetzungen.

Wenn Sie mehr über die Anforderungen an das Posteditieren maschinell erstellter Übersetzungen erfahren möchten, lesen Sie auch unseren Blog-Artikel „Posteditieren nach ISO 18587“.

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